Susannes Blog

Wirkung der Schwerhörigkeit – persönliche Grenzen

In den letzten Tagen bekomme ich so den Eindruck wie skurril und unhöflich ich oftmals wirke. Bislang habe ich das wohl nicht so wahrgenommen bzw. nicht wahrnehmen wollen, aber wenn mich eine mir seit gut 10 Jahren nahestehende Studienkollegin, Freundin und Kollegin erstaunt anschaut und über meine Unhöflichkeit verwundert ist, weil ich die Verabschiedung einer Kollegin nicht erwidert habe ohne nur auf die Idee zu kommen, dass ich sie vielleicht gar nicht gehört habe, dann liegt die Annahme nahe, dass es wohl unzählige ähnliche Situationen gibt, in denen Menschen – auch jene, die von meiner Hörbehinderung wissen – völlig irritiert von meinem Verhalten sind.

Hierzu fällt mir ein Abschnitt aus einem Buch ein. (Beruhigend zu wissen, dass mein Schwerhörigen-Gedächtnis mitunter auch noch funktioniert, denn das habe ich 2011 gelesen! Da bin ich selber beeindruckt. Wenn ich mich hingegen daran zu erinnern versuche, was bei dem heutigen Meeting alles so besprochen wurde… 😉 )

„Das Hören stellt eine notwendige Bedingung für die alltägliche Kommunikation dar. Insofern sind Hör-und Kommunikationsstörungen eine Bedrohung für die soziale Partizipation, da der Austausch zwischen Hörer und Sprecher gestört ist. Reagiert ein Schwerhöriger in einer Interaktion mit einem Normalhörenden aufgrund nicht gehörter Informationen falsch, dann interpretiert der Hörende dieses Fehlverhalten als von der Norm abweichend und kommt zur Fehleinschätzung „mangelnde Intelligenz“ oder „fehlende soziale Anpassung“. Die Reaktionen bleiben dem Schwerhörigen natürlich nicht verborgen und wirken sich….“ (zitiert aus „Das Stigma Schwerhörigkeit“ von Corinna Pelz, S. 45)

Dummerweise schreibt Corinna Pelz nicht von zugeschriebener Unhöflichkeit sondern von „mangelnder Intelligenz“ und von „fehlender sozialen Anpassung“, was ja bedeutend unangenehmer in mir schwingt.

Zur „mangelnden Intelligenz“ fällt mir ein, dass ich – sobald nur ein unerwartetes englisches Wort – in einer deutschsprachigen Konversation einfließt, ich immer nachfragen muss! Naja oftmals erkläre ich mich dann, weil es mir unangenehm ist. Ich vermute mal, dass mir „mangelnde Intelligenz“ weniger häufig unterstellt wird. Da kommen mir auch meine berufliche Position und mein Auftreten zu Gute.

Anders ist es gewiss bei der „fehlenden sozialen Anpassung“. Ich bekomme manchmal so wenig mit, was so rundherum läuft, dass ich infolge auch zurückgezogener oder in mich gekehrter bin und da passiert es mir auch schon mal – so gerade vor einer Stunde – dass ich sogar einen Gruß – trotz Wahrnehmung – nicht erwidere.
Mit der fehlenden sozialen Anpassung lässt sich mitunter auch nett kokettieren. Zudem gehe ich auf die 50 zu und da ist die fehlende soziale Anpassung bzw. das vermehrte Wahrnehmen und Eintreten der eigenen Bedürfnisse sowie das von zunehmender Authentizität geleitete Handeln ja mitunter auch dem Alter zuzuschreiben. Geliebt zu werden um jeden Preis, das funktioniert heute nicht mehr. Ich mag das Thema offenbar im Moment nur positiv sehen ;)!

Wer in einer guten Energie bleiben möchte, könnte mit dem Lesen des Beitrags hier aufhören.

Wenn ich da tiefer hinschaue, so fällt mir auf, dass einige Facetten wohl noch nicht ins Licht gerückt sind. Das Wahrnehmen meines eigenen aufgrund der Schwerhörigkeit unüblichen/abweichenden Verhaltens und die dazugehörigen zahlreichen Situationen, an die ich mich dann erinnere, zeigen mir meine Grenzen auf und tun mir weh… Dem will ich mich gerade bewusst verweigern, wenn es mir gelingen würde…… meine Gedanken laufen jedoch weiter und mir kommt in den Sinn, dass in mir drinnen noch immer die Frau zu spüren ist, die liebend gerne mit anderen Menschen kommuniziert (das war ja auch mal meine berufliche Aufgabe), die eloquent ist und mit anderen gerne lacht, die am sozialen Geschehen teilhaben mag. Es gibt halt einfach so viele Hörsituationen, in denen das nicht mehr geht, dann steige ich gar nicht ins Gespräch ein, verlasse die Situation oder ziehe ich mich zurück oder nicke mitunter auch nur, obwohl ich nichts oder kaum was verstehe oder erst nach vier Sätzen das zuvor Gesagte erahne. Ich schaue auch neben mir stehende und zuhörende Personen an, wie sie reagieren und ahme ihre Reaktion nach oder ich versuche aus der Wahrnehmung der gesamten Gesprächsinformation (Thema, Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Gestik, Mimik) das sozial angepasste Verhalten zu erahnen. Das fühlt sich – man verzeihe mir den Ausdruck – beschissen und schmerzvoll an. Mitunter macht es mich auch sehr wütend und ich reagiere – sozial unangepasst – aggressiv. Auch das ist eine Realität in meinem Leben.

Hierzu ein konkretes Beispiel, in welche schwierige Situationen man als schwerhöriger Mensch – täglich in abgewandelter Form – kommt: Diese Tage stand ich im Stiegenhaus, einem akustisch sehr ungünstigen Ort. Ich sprach mit dem Mann der seine Frau ein paar Tage zuvor beerdigen musste als sich die Tür öffnete und jemand anderer kam und Nebengeräusche im Raum waren. In der Sekunde war das Verstehen der Sprache ziemlich reduziert und schwer möglich und es hat nicht gepasst, ihn nochmals nachzufragen – der Nachbar weiß nicht mal von meiner Schwerhörigkeit, weil wir bislang so gut wie nicht miteinander kommuniziert haben. Er hat das Gespräch rasch abgebrochen (wegen der dritten Person oder wegen einer unpassenden Reaktion meinerseits?) und erst zu dem Zeitpunkt glaube ich verstanden zu haben, dass er davon sprach, seine Frau gepflegt zu haben und jetzt erst für seinen schmerzen Arm sorgen kann ….

Vielleicht schreibe ich auch deswegen weniger im Blog. Ich mag dieses Gefühls-Potpourri auch nicht immer in den Vordergrund rücken. Es macht ja auch nur Sinn, wenn ich daraus was lernen kann. Mir fehlen hier jedoch Lösungsbilder. Ich kann ja nicht ständig sagen, dass ich nichts verstanden habe und darum ersuchen lauter, etc. zu sprechen. Das reicht mitunter einfach auch nicht aus und ist in gewissen Situationen auch völlig unpassend. Zudem wirkt es auf andere erstmals schwer und meist auch verunsichernd. Sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Darum ist ja auch die Handlungsanweisung als Stütze wichtig……

Enden möchte ich den Artikel mit dem Satz, der mir gerade in den Sinn gekommen ist und mich bewegt:

„Kommunikation ist kein sicherer Ort mehr für mich.“

Vor allem mit mir wenig bekannten/vertrauten Personen ist es ein sehr unsicherer Ort. Das impliziert auch, dass es sehr wohl auch Personen gibt, mit denen die Kommunikation für mich ein sicherer Ort ist!

Möge der Artikel das Verstehen von Schwerhörigkeit etwas näher bringen.

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7 Kommentare zu „Wirkung der Schwerhörigkeit – persönliche Grenzen

  1. Danke, das du mitgeteilt hast wie Es dir er geht und die Empfindungen die ich nachvollziehen kann!
    Beim Geburtstag Früstück sassen wir in einem Restaurant, 5 Personen um den Tisch und ich verstand beina nichts vom Gespäch, der Raum akustisch unmöglich. Hab zu Haus geweint vor Verzweiflung.
    Heute abend war eine Musiekabend bei unserem Klubhaus wo ein Blinder Sänger mit mikrofon und Musiekcentrum sang und ich konnte wieder keine Worte ver stehen. Meine Augen taten mir weh vom anstrengenden Versuch zu hören. Das merke ich neuer dings wenn ich zu lange in einer sehr lauten Umgebung bin.
    Habe einen Kursus gefunden wo man auf dem IPad Lippenlesen lernen kann. Will es gerne versuchen!
    Es gibt sehr wenig Verständnis wenn überhaupt für Schwerhörige, selbst die Familie und Freunde können sich nicht hinnein denken.
    Selbst das Telephon wird zum Feind und es ist irritierend wenn man ständig gefragt wird: hörst du mich? Ich frag schon wenn nicht höre🙄
    Es ist blöd wenn alle lachen und man hat den Spaß verpasst🤔
    Dann noch die Bemerkung, sei dankbar das du nicht schlimmeres hast! 🤗
    Es ist so , aber helfen tut es nicht.
    Verständnis wäre Mir Lieber.
    Grüß Dich herzlich!🌺🌹

    1. Hallo liebe Donate,
      ja guthörende Menschen können es einfach nicht nachvollziehen, wie es ist schwerhörig zu sein. Man müsste sie bitten, Oropax für einen Tag zu nehmen und einkaufen, etc. gehen – also einen ganz normalen Tagesablauf mit Oropax zu durchleben (und dabei überleben, denn im Strassenverkehr sind ja einige Risiken). Sie würden im Nu spüren, wie es ist schwerhörig zu sein und infolge besser Verständnis aufbringen können.
      Wie gut, dass wir uns untereinander so gut verstehen. Deinen Schmerz kann ich nachvollziehen. Es ist das Nicht-mehr-mithalten-Können, das Sich-ausgeschlossen-Fühlen, das Alleine-Sein in Gesellschaft, das so schmerzt….
      Fühl dich umarmt
      Susanne

  2. Liebe Susanne,
    schöne mal wieder etwas von Dir zu lesen. Ein wichtiger und differenzierter Beitrag. Insbesondere deshalb, weil er wieder mal zeigt, daß es auch den Erfahrensten passiert, von Zeit zu Zeit eine Beule in die so mühsam erlernte und sorgsam gepflegte Selbstverständlichkeit im Umgang mit der erworbenen Beeinträchtigung zu bekommen. Das Leben verläuft nicht linear!
    Du suchst nach Lösungsbildern. Ich auch! Für manches gibt es aber leider keine Lösung. Schlecht hören ist und bleibt einfach scheiße!
    Und noch viel spannender ist, das annähernd zeitgleich auf den Blogs von Frau Frogg und von Renée „Ich bin schwerhörig, na und?“ Beiträge zur gleichen Thematik veröffentlicht wurden: Manchmal fehlt die Kraft….wie mache ich Pause…wie schone ich meine Ressourcen….“smaltalk“ der zum „smalunderstanding“ wird…erneut aufpoppende schon lang überwunden geglaubte Ängste vor den banalen Situationskommunikationen bei Einkauf, auf der Straße und und und.
    Ich habe mit mir beschlossen, daß sich die Tanks wieder füllen werden, wenn der Frühling ins Land zieht, die Tage länger werden und mich die Sonne wieder wärmt. Bald ist es soweit!!!!
    Stay tuned!
    Grüße
    Matthias

    1. Hallo lieber Matthias,
      schön dich hier bei mir zu wissen!
      Ich war heute schon eine Stunde in der Sonne – es tat mir seeeehr gut.
      Möge die Sonne deine Energiespeicher aufladen.
      Sei mir lieb gegrüßt
      Susanne

  3. Liebe Susanne, erst jetzt lese ich Deinen Beitrag – und finde darin sehr vieles, was mich auch meine eigenen Probleme besser verstehen lässt. Ich war letzte Woche beim Ohrenarzt – das Audiogramm zeigt einen starken Hörnachlass auf meinem linken (früher besseren) Ohr. Es sind jetzt noch 30 Prozent Restgehör auf beiden Seiten. Das ist eine neue Situation, die mich in neue Unsicherheiten stürzt. Umso besser ist es, bei Dir eine so klare Beschreibung dieses Zustandes zu finden. (Ich glaube übrigens, „mangelnde soziale Anpassung“ ist wahrscheinlich dasselbe oder etwas sehr Ähnliches wie Unhöflichkeit 🙂

  4. Hallo Susanne,

    auch mir passieren solche sachen immer wieder. Gerade jetzt bin ich auf einem Seminar mit Thema Wasserarbeit….ich warte im Schwimmbecken auf die anderen hetze mich total ab um jaa pünktlich zu sein…..und es kommt eeewig keiner……und was war ….ICH mit den ollen Ohren habe 8.15 verstanden…statt 8.45…grrr…..

    Zwei Tage vorher habe ich verstanden.wie eine zu einer anderen schlanken Frau sagte …du bist immer so schön fett……und alle lachte und hatten Spaß ….bloß ich habe ECHT lange gebraucht um herauszufinden das sie gesagt hat….du bist immer so schön fresch.

    Ich merke immer wieder wie sehr mich die Konzentration aufs hören anstrengend und das ich abends immer total müde bin und nix mehr machen kann.

    Eine Lösung hab ich aber auch noch nicht gefunden. Aber es ist hier für mich das erste mal mich mit anderen Schwerhörigen austauschen zu können.

    UND zu wissen ich bin NICHT DOOF ….auch ich habe das fast 40 Jahre geglaubt und oft gesagt bekommen…du WILLST nur nicht hören…..oder du hörst nur das wa du hören willst was ja absolut nicht stimmt.

    Nun noch was positives….meine Krippenkinder finden meine bunten Hörgeräte toll und wollen sie immer rausholen und anschauen.
    Letztes Jahr hat ein 3 jähriger Junge gesagt….duuuu ich geh heute nachmittag auch Hörgeräte kaufen mit meinem Papa solche wie du hast……haaach da geht einem das Herz auf vor der Offenheit und unbedarftheit der Kinder.
    Liebe Grüsse Sari

  5. Hallo liebe Sari,

    schön von dir zu lesen. Ich hoffe, du konntest der Zeit alleine im Schwimmbecken noch Gutes abgewinnen :-)!

    Ich mag solche Geschichten, wie deine fett-fesch-Geschichte – auch wenn sie im Moment zwar irritieren und nicht immer lustig sind, aber im Nachhinein kann ich dann doch auch immer herzhaft darüber lachen.

    Mein Vater hat eine Makulardegeneration und sieht nur mehr sehr wenig. Ich habe mich auch dabei ertappt, dass ich ihm zumindest in Gedanken unterstellt habe, dass er besser sieht als angenommen/angegeben. Ich glaube es ist sehr, sehr schwer anderen die eigene Behinderung wirklich transparent zu machen. Was die Schwerhörigkeit anbelangt so kann diese ja sogar im Stress um 15 Dezibel schwanken/schlechter sein. Da ist es umso wichtiger, dass wir zu uns und unserer Wahrnehmung und unserem Empfinden klar und deutlich stehen. Wir brauchen auf beiden Seiten so viel Verständnis…..

    „UND zu wissen ich bin NICHT DOOF ….auch ich habe das fast 40 Jahre geglaubt“ – mein Gott, was diese Behinderung und der Umgang in der Gesellschaft mit schwerhörigen Menschen macht… ich bin darüber immer wieder aufs Neue betroffen….

    Die Geschichte vom 3jährigen Jungen finde ich herzberührend…danke fürs Teilen.

    Einen lieben Gruß zu dir
    Susanne

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