Narben

In geschwungenen Buchstaben stand ein mit Tinte geschriebener Text unter der Überschrift Narben.
„Ich habe Menschen mit Narben schon immer gemocht“, sagte eine Stimme in meinem Rücken, die mich das Buch erschrocken zuschlagen ließ. „Genau genommen misstraue ich jedem über vierzig, der keine Narben hat.“
(entnommen von Frauen, die Blumen kaufen von Vanessa Montfort)

Kürzlich war ich bei einem 25-Jahres-Treffen – der Abschluss des Studiums der Sozialarbeit ist nun 25 Jahre her und da kamen drei nette und engagierte StudienkollegInnen auf die Idee, ein Treffen zu organisieren. Ich habe eine zeitlang, meinen Schwerhörigen-Energiehaushalt im Auge behaltend, überlegt, ob ich hingehen soll und entschied mich dann dafür. Drei Fragen kamen mir zuvor in den Sinn, denen ich gerne ein wenig nachgehen wollte:

  • Was die StudienkollegInnen die letzten 25 Jahre gemacht haben.
  • Ob ihre Haut auch mit den Jahren dünner geworden ist und wie sie es schaffen, sich von den Themen/Schicksalen der KundInnen nicht kräftezerrend vereinnahmen zu lassen.
  • Wofür sie brennen.

Als ich den Raum betrat blieb ich stehen, nahm mit erschaudern die schlechte Akustik wahr und die vielen StudienkollegInnen von damals, die bereits an den Tischen saßen. Alle Gesichter wieder zu erkennen war gar nicht so leicht und mir Namen zu merken gehört so rein gar nicht zu meinen Stärken.

Nach einer Stunde und einigen Gesprächen mit einzelnen KollegInnen, bei denen ich ziemlich zu tun hatte, um zu verstehen, was sie mir sagten, begann der Lärm unerträglich zu schmerzen. Ich nahm mein Mikro (von GN-Resound) und aktivierte es. Danach machten wir eine Rückblick-Runde und dabei hatte ich wieder das Glück, dass eine Kollegin sehr achtsam und liebevoll darauf achtete, dass mein Mikro weitergereicht wurde, die jeweils sprechende Person das Mikro bei sich hatte. Ich werde ihr noch schreiben und mich bei ihr dafür bedanken – solch einen achtsamen und zutiefst wohltuenden Umgang mit meiner Schwerhörigkeit erlebe ich selten (Vgl. Wie man mein Herz erobern kann). Das Mikro funktioniert so gut, dass es auf einer Serviette und am Tisch liegend die Sprache ausreichend klar in meine Ohren transportiert – welch eine Erleichterung!

Bei dieser Rückblick-Runde erzählten alle – zum Glück hintereinander – ein wenig aus ihrem Leben. Ich fand es spannend die vielfältigen Lebensläufe mitzuverfolgen. Ich fand es hochinteressant, was genau jemand über sich erzählt, wie jemand gesehen werden möchte, wo die Lebensmittelpunkte liegen und welche Werte sich dahinter vermuten lassen. Ich freute/freue mich mit jenen, die spannende Herausforderungen gefunden haben. Wirklich berühren tun mich jene wenigen, die ihre Narben spürbar gemacht haben, die ganz waren, authentisch. Ich mag Menschen mit Narben – so wie oben im Buchzitat geschrieben. Menschen mit Narben, d.h. Menschen, die in Lebenssituationen geraten sind, in denen sie sehr gefordert waren/sind, gefordert näher oder auch tiefer hinzusehen – aufs Leid, auf die Lebensgestaltung… Sie erscheinen mir, wie Geschwister, deren Wege ins Leben, in die Lebendigkeit mich besonders interessieren.

Auf meine zweite Frage, bekam ich noch keine schlüssige Antwort. Ich habe sie auch ein wenig aus den Augen verloren gehabt. Allerdings komme ich da selber auf Antworten, wenn ich ein wenig nachdenke und mich an meine Zeit, in der ich als Sozialarbeiterin tätig war, erinnere. Die Beantwortung der dritten Frage war für mich zwischen den Zeilen wahrnehmbar. Wofür ich brenne sagte ich klar – zumindest aus beruflicher Sicht. Da würde ich von Herzen gerne eine Schwerhörigenberatungsstelle aufbauen oder mitarbeiten. Es gibt hier soviel Bedarf….

Abschließend möchte ich noch mit einem Text von Giannina Wedde, die auch Bücher schreibt und Musik macht (https://www.facebook.com/mystikdesalltags/ oder https://www.klanggebet.de/).

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2 Kommentare zu „Narben

  1. Liebe Susanne,
    ich bin 44 und habe von Geburt an eine mittelgradige Innenohrschwerhörigkeit beidseitig. Bekam mit 3 Jahren ein Hörgerät und in der Volksschule dann ein zweites. Ich habe das große Glück, dass sich meine Schwerhörigkeit bisher nicht verschlechtert hat. Dadurch haben sich mein Sprachverstehen und die Einschränkungen durch die fortschreitende Technik und die jahrelang trainierten Taktiken wie Lippenlesen, Zusammenhänge herstellen, Geräusche ausblenden etc. de facto verbessert. Im Vergleich zu meiner Kindheit erlebe ich heute sehr wenig Einschränkung.
    Narben sind genügend vorhanden. Dazugehören war jahrelang ein großes Thema, Ausgrenzung habe ich vor allem als Jugendliche erfahren. Wenn Disko kein Vergnügen sondern Stress ist, laute Musik nicht cool sondern lästig ist, wenn (sexualisierte) Witze nicht verstanden werden, können Jugendliche mitunter auch grausam werden, selbst wenn sie über eine Beeinträchtigung Bescheid wissen. Das hat mich damals auch gehemmt und hölzern gemacht. Das Konzentrieren auf den Sprachinhalt nimmt so viele sinnliche Erfahrungen, die Kommunikation auch beinhaltet, weg und macht damit angespannt und ernst, verhindert oder vermindert Leichtigkeit und Lebensfreude.
    Vieles hat sich verändert in den letzten 25 Jahren, ich habe ebenfalls Sozialarbeit studiert und arbeite immer noch in Vollbeschäftigung. Habe meine Narben befühlt, beackert, kenne sie in und auswendig, glaube die Wunden verheilt und merke doch immer wieder, dass sie da sind und erneut angeritzt werden. Manchmal in scheinbaren Bagatellsituationen. Bei akustischen Missverständnissen, wenn alle, inklusive mir lachen; wenn mir nahestehende Personen unwirsch reagieren, wenn ich nicht verstehe oder etwas nicht mehr für wiederholenswert erachten; oder auch, wenn Menschen sehr achtsam sind, was den Umgang mit der Schwerhörigkeit betrifft. Auch die Achtsamkeit rührt an der ganz besonderen Verletzlichkeit, die da gegeben ist, vielleicht ritzt sie nicht an der Narbe sondern wirkt wie Balsam darauf. Ähnlich hast du es ja auch beschrieben.

    Danke für diesen Blog und danke auch für den wunderschönen Text von Giannina Wedde; ja, die Versehrtheit macht Menschen zu etwas Besonderem. Die Kunst ist es, diese Besonderheit zu erkennen, zu achten und aus ihr zu lernen.

    Danke!
    Katharina

    1. Hallo liebe Katharina,

      hab vielen lieben Dank für deine Zeilen. Du beschreibst in herzberührender und umfassender sowie nachvollziehbarer Weise, wie es sich anfühlt schwerhörig zu sein, was weh tut und an den Narben, der Wunde, der Ausgrenzung rührt.
      Ich danke dir dafür!

      Vielleicht sollte ich eine Gastbeitragsseite machen, damit so wertvolle Beiträge wie deiner erhalten bleiben.

      Möge deine Schwerhörigkeit weiterhin stabil bleiben.

      Einen herzlichen Gruß zu dir
      Susanne

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