Susannes Blog

Zoom-Boom

Als in der Coronahochzeit eine mir völlig unbekannte Kollegin meinte, lass uns zoomen*), war ich erstmals irritiert. In mir erhob sich Widerstand. Immerhin sitze ich im Homeoffice (ja nicht nur vorübergehend sondern dankenswerterweise dauerhaft) und auf einmal habe ich, zumindest gefühlt, mir unbekannte Menschen bei mir im Zimmer sitzen, die mich – wenn ich nicht daran denke – sogar ungeschminkt sehen. Ansonsten hören sie mich ja nur ungeschminkt, denn meine mittlerweile sehr klare oder vielmehr direkte Sprache könnte manchmal etwas blumiger und dabei mitunter auch ein wenig freundlicher ausfallen. Gerade gelernt auch mal mein Konterfei in Teamsitzungen zu offenbaren, hatte ich Sorge, dass das Zoomen nicht nur gegenwärtig sondern auch zukünftig ein fester Bestandteil des beruflichen Lebens wird.

Für den Termin trug ich mir Wimperntusche auf, kontrollierte nochmals den Hintergrund, der ja mitangezeigt wird, und lächelte, etwas das mir bislang immer sehr leicht fiel. Allerdings seit einer Zahnoperation wurde mein Lächeln derart schief, dass es fast so aussieht, als ob ich nur einen Mundwinkel missbilligend nach oben ziehe und diese Assoziation oder Wirkung möchte ich bei meinem Gegenüber keinesfalls auslösen. Meine Haare waren GSD, trotz Corona und dem geschlossenen Friseursalon, frisch gefärbt. Die Sitzung lief gut, die Kollegin war sehr freundlich und kooperativ und so hatte ich auch wieder mal Besuch bei mir daheim ;).

Heute in der Früh rief mich eine Kollegin fast schon irritierenderweise nicht per Zoom sondern am Telefon an. Mein linkes Hörgerät hatte kurz zuvor signalisiert, dass die Batterie getauscht werden sollte, also war es zwecklos meine Telefonierhilfe aufzudrehen. Mit dieser verstehe ich jedes Wort, wobei meine TelefonpartnerInnen mitunter weniger gut damit zurecht kommen und häufiger nachfragen. Sie kommen damit ungewollt in den zweifelhaften Genuss einer/s Schwerhörigen.
Nachdem ich rund 20 Minuten telefoniert hatte, habe ich mitbekommen, dass das Übliche dazu phantasieren, um den Inhalt zu erfassen zwecklos war. Ich hatte wiederholt keine Ahnung, was sie mir mitteilen wollte und das Thema – die Auswahl einer/s  neuen MitarbeiterIn – war zu wichtig, um mir hier Lücken erlauben zu können. Also bat ich sie zu warten, wechselte gleich beide Batterien, verzichtete auf die drei Minuten Luftzufuhr, um die Batterieleistung zu verlängern und drehte die Hörhilfe nach einer gefühlten Ewigkeit auf. Ich war erstaunt, dass sie noch wusste, was sie mir sagen wollte und wir konnten in Ruhe ohne Anspannung und Nachfragen zu Ende telefonieren.

Das sind die Momente in denen ich mir zutiefst wünsche, dass der Zoom-Boom für immer bleibt oder sich Zoom zumindest so gut etabliert, dass die KollegInnen auch zukünftig bereitwillig mit mir über das Internet kommunizieren.

*) Zoom ist ein Webkonferenztool. Es ermöglicht über das Internet miteinander reden zu können und sich dabei auch zu sehen.

2 Kommentare zu „Zoom-Boom

  1. Es gibt bei Zoom die Möglichkeit, den Hintergrund zu verdecken. Ich traf meine KollegInnen am Palmenstrand oder im Weltall an.
    Ich stehe dieser Videotelefonie etwas gespalten gegenüber… heute vormittag hatte ich eine solche Sitzung gehabt, die 1 1/2 Stunden dauerte und an der mehrere KollegInnen teilnahmen.
    Ich bin immer noch gerädert.

    Liebe Grüße aus meinem Home Office!

    1. Hallo Sori,
      schön, dich hier wieder zu lesen :)!
      Ja, den Hintergrund finde ich hochspannend. Eine Kollegin sitzt immer in einer Luxusvilla, die andere hat nach den Palmen nun stimmigerweise den Bodensee hinter sich (sie sitzt auch dort im Home Office) und ein Kollege befindet sich vor einer riesengroßen Bücherwand. Da er kurze Haare hat und sich kaum bewegt, ist mir sehr lange nicht aufgefallen, dass es nicht seine Bücher sind und war angesichts der Menge an Literatur sehr beeindruckt. Interessant, wie die KollegInnen gesehen werden wollen. Mir gefällt besonders, wenn sich jemand ohne Hintergrundverschönerung zeigt! So handhabe ich es auch, allerdings überlege ich dennoch für das Zoom-Treffen mit dem Vizerektorat, zumindest die Tänzerin im Hintergrund abzunehmen ;). Ist ja doch eine höhere Ebene, wo ich keine Assoziationen hervorrufen möchte, wie z.B. dass ich auf der Nase rumtanzen möchte ;).

      Ja, 1,5 Stunden-Sitzungen sind lange. Mir tut es gut zu wissen, dass du das auch so empfindest. Ich merke, dass ich dann nicht mehr aufmerksam zuhöre, sondern nur mehr selektiv das Wesentlichste für mich rauszufiltern versuche. Am Ende weiß ich nicht, ob das gelungen ist – insgesamt keine Ideallösung. Bloß schaffe ich keine Monologe mehr – auch nicht im direkten Gespräch ohne Zoom. Ich habe mit den KollegInnen gerade heute vereinbart, dass wir zukünftig jemanden bitten, auf die Zeit zu schauen.

      Ich hoffe, du hast dich heute wieder erholt.
      Liebe Grüße zu dir – auch aus meinem Home Office, das ich ja dauerhaft habe.
      Susanne

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