Kommunikation mit S.

Kommunikation mit S. steht für Kommunikation mit Schwerhörigen oder auch für Kommunikation mit Susanne, also mit mir :).

Ich werde hier nach und nach immer wieder niederschreiben, unter welchen Bedingungen Gespräche für mich

  1.  verständlich und
  2. weniger anstrengend sind.

Den nachfolgenden Satz habe ich im Internet gefunden und der bringt es doch schon recht auf den Punkt, wie anstrengend das Hören bzw. Verstehen für mich ist.

„Die Anstrengung um das Verständnis eines Gesprächs braucht Zeit und alle Kräfte – und ist doch manchmal umsonst.“

Damit in Zusammenhang bringen lässt sich auch die Aussage eines vortragenden Arztes

„Ein Hörgerät ist immer nur ein Kompromiss und kann das normale Hören nicht zurückbringen.“

Oder auch jener Absatz, entnommen aus dem Artikel Auswirkungen einer Schwerhörigkeit auf die Psyche (der übrigens für Guthörende sehr gut beschreibt, wie sich Schwerhörigkeit anfühlt)

 „Darüber hinaus ist es Nichtbetroffenen kaum zu vermitteln, dass auch mit dem Hörgerät weiter Probleme in der Kommunikation vorhanden sind. Viele möchten gerne das Hörgerät als etwas sehen, das den Hörschaden behebt. Dem ist leider nicht so. Hören mit einem Hörgerät muss erlernt werden. Der Höreindruck mit Hörgeräten ist gegenüber dem vorherigen Guthören verändert. Die unbegrenzte Klangwelt der Hörenden wird mit ihnen nicht „wiederhergestellt“, auch der Klang der Sprache verändert sich.“

Ich werde auf dieser Seite zwischen persönlichem Treffen und Telefonaten unterscheiden sowie Allgemeines, d.h. für beide gleichermaßen Gültiges, voranstellen. Abschließend werde ich noch anführen, worauf ich persönlich zusätzlich noch achten werde.

Damit will ich auch meinen GesprächspartnerInnen die Möglichkeit geben, sich auf ein Gespräch mit mir entsprechend einzustellen bzw. sich entsprechend zu verhalten, damit wir beide gut miteinander reden können – mit dem möglichst geringsten Kraftaufwand den größtmöglichen Erfolg erzielen und im Idealfall gestärkt aus dem Gespräch gehen – beide. Die Verantwortung für Gesprächssituationen kann dabei nur geteilt werden. Als Behinderte sind die Kommunikationsbedürfnisse klar mitzuteilen und die GesprächspartnerInnen müssen wohl auch die Bereitschaft mitbringen, diese zu beachten.

It is no fun being a victim. I refuse to be helpless anymore. I claim my own power. (Louise Hay) 

Allgemeines

  • Bitte immer deutlich mit mir reden.
  • Wenn du sehr schnell mit mir redest, kann ich dich nur unter idealen Bedingungen verstehen. D.h. bitte Tempo rausnehmen, wenn du gerade eher hektisch bist.
  • Sehr lange, verschachtelte Sätze bewirken eine zusätzliche Höranstrengung. Daher bitte kurze, einfache Sätze und diese bitte bei Nichtverstehen Wiederholen und dabei ggf. Problemworte austauschen. Ich frage das nicht Verstandene möglichst konkret nach, damit du nicht immer alles wiederholen brauchst.
  • Ich kann meist nicht einschätzen, wie laut meine Stimme sein muss, damit auch du mich gut – weder zu leise noch zu laut – hörst. Bitte lasse es mich einfach wissen. So kann ich lernen, in entsprechenden Situationen, eine angemessene Lautstärke zu finden. Umgekehrt gilt: Es ist nicht erforderlich mit mir lauter zu reden, geschweige denn zu brüllen.
  • Du kannst dich auch – bei Unsicherheiten – gerne vergewissern, ob ich wichtige Inhalte verstanden habe. Auch ich versuche kurz das Wesentliche zusammenzufassen, sobald ich Unsicherheit verspüre. Es gilt demnach nicht einfach zu behaupten: „Das hat sie wieder nicht gehört.“
  • Ein Dialekt kann auch eine ordentliche Herausforderung sein.
  • Eine Hilfe ist auch, wenn Themen benannt werden (v.a. bei fortschreitender Schwerhörigkeit). Besser kombinieren/phantasieren kann ich bei mir vertrauten Themen.
  • Ich bin auf die verstärkte Wahrnehmung mit den Augen angewiesen. Dazu gehört die Körpersprache. Sonnenbrillen wirken dabei total irritierend.
  • …..

Persönliche Treffen

  • Bitte mir frontal gegenübersitzen und mich beim Sprechen anschauen. So kann ich auch von den Lippen ein wenig absehen. (Damit gilt auch ein entsprechendes Licht. D.h. auch nicht mit dem Rücken zum Fenster sitzen, denn das lässt mich dein Gesicht nicht gut erkennen)
  • Bitte so gut als möglich Nebengeräuschquellen abstellen oder ruhige Räume suchen. (Fenster und Türen schließen)
    Zur Info dazu: Bei Guthörenden reichen 5 bis 6 Dezibel Unterschied aus, um Nutzschall (Sprache) von Störschall zu unterscheiden. Hörgeschädigte benötigen einen Abstand von 15 – 20 Dezibel um Sprache von Störquellen zu unterscheiden.
  • Bitte auch immer mit einkalkulieren, dass ich nicht nur schwerer verstehe, sondern vieles auch anders. Dabei ist das gehörte Lautbild oftmals ein wenig verzerrt, worunter die Sprachverständlichkeit leidet.
  • Bei Treffen mit mehreren Personen bitte möglichst wenig durcheinander, sondern nacheinander reden.
  • Hinterherrufen kann funktionieren, oft aber – vor allem bei Nebengeräuschen – ist es zwecklos.
  • Da ich mitunter nicht höre, wenn jemand von hinten kommt, bitte ich dich, mich nicht von hinten ansprechen oder anfassen, sondern zuvor ins Blickfeld zu gehen.
  • Bei schlechter Raumakustik (Nachhall), muss ich mich um ein Vielfaches mehr anstrengen, da ich dadurch verzerrt höre und somit sinkt auch die Sprachverständlichkeit.
    Zur Info: Nachhall wird verursacht durch große Fensterflächen, „nackte“ Fußböden, hohe Decken, kahle Wände, ….
  • Gleiches gilt, wenn du von weiter entfernt mit mir sprichst. (Das schafft kein Hörapparat!)
    Zur Info: Mit jeder Entfernungsverdoppelung zum Sprecher reduziert sich der Sprachschallpegel um 6 Dezibel. (1m: 65 dB, 2m: 59 dB, 4m: 53 dB, 8m: 47 dB).
  • Sollte ich einmal bei einem Lärm zusammenzucken, dann wundere dich bitte nicht. Manche Töne höre ich überlaut, trotz Schwerhörigkeit.
    Zur Info: Bei der Schwerhörigkeit entsteht ein Verlust der Modulationsfähigkeit des Innenohrs, d.h. eine gezielte Verstärkung oder Abschwächung von Höreindrücken ist nicht mehr möglich. Anders formuliert bei Guthörenden Menschen können die äußeren (bei mir defekten) Haarzellen des Innenohrs schwachen, d.h. leisen, Schall verstärken und starken, d.h. lauten, Schall dämpfen. So kann der Guthörende wegen der schallverstärkenden Wirkung auch leise Töne wahrnehmen und empfindet andererseits laute Geräusche nicht so schnell als sehr laut und unangenehm wie der Schwerhörige. Der Fachausdruck dazu lautet Recruitment. P.S. Das kann ziemlich zu Lasten der Nerven gehen, wenn z.B. ein lautes, schrilles Telefon bei einer Sitzung mehrmals läutet (wie soeben erlebt).
  • ….

Telefonate

  • Bitte möglichst wenig von unterwegs mit mir telefonieren. Hintergrundgeräusche am Handy bringen mich ganz schnell zur Verzweiflung oder machen mich gereizt – je nach Verfassung. Ich kann dann die Stimme nicht mehr ausreichend gut wahrnehmen.
  • Längere Gespräche möchte ich nur bei sehr guten Hörbedingungen führen. Dazu gehört auch ein guter Handyempfang, der bei mir in der Wohnung nicht immer gegeben ist.
  • …..
Worauf ich noch achten werde
  • Wenn ich etwas nicht verstanden habe, dann werde ich versuchen, möglichst gezielt anzugeben, was genau ich nicht verstanden habe. Sagst du z.B. zu mir, dass der Zug um 8:15 abfährt und ich habe nicht genau verstanden was nach 8 kam, dann werde ich nicht „Wie bitte“ sagen, sondern: „Du sagtest der Zug fährt um 8 Uhr wieviel?“. So musst du auch nicht immer alles wiederholen.
  • Ich kann mich bislang nur an eine Situation (LeiterInnensitzung) erinnern, in der ich innerlich fast explodiert bin, weil ich etwas falsch gegen mich gerichtet verstanden habe, obwohl dem nicht so war. Hier nehme ich mir vor, auf der Stelle nachzufragen, wie etwas gemeint war und ob ich das richtig verstanden habe. Das spart Energie und Verunsicherung – meist beiderseitig.
  • Ich nehme mir zudem vor, dass ich vermehrt Signale gebe, ob ich etwas verstanden habe. Du darfst mich gerne darauf hinweisen, sollten sie dir fehlen.

Zur Information noch ein kurzer Einblick

Permanenter Hördruck erzeugt Stress. Bei Stress sinken sowohl der Serotonin- als auch der Dopaminspiegel im Gehirn. Sinken diese zu sehr, so schlägt sich das aufs Gemüt bis hin zu Depressionen. (P.S. ich fühle mich nicht depressiv nur manchmal total erschöpft von der vielen Anstrengung.) Gleichzeitig steigt der Glutamatspiegel an. Dieser ist für den Tinnitus verantwortlich. D.h. auch die Lautstärke vom Tinnitus ist ein wichtiger Hinweis auf die aktuelle Belastung.

Und weil es mir noch am Herzen liegt

Ich glaube auch und habe es nun sowohl vom Gruppenleiter als auch in einem Buch von Lucia Francia gelesen, dass „wir alle“ oftmals zu wenig reflektieren bzw. noch deutlicher geschrieben: analysieren. D.h. wenn ich mich täglich morgens frage, wie es mir geht und ich einmal oder mehrmals die Antwort bekomme, dass es mir nicht gut geht, dann ist der Zeitpunkt da, um zu analysieren, die Hintergründe & Ursachen zu erforschen und hier entsprechende Maßnahmen zu setzen, sodass sich der Gemütszustand wieder verbessert. Wozu in leidvollen Situationen verhaften bleiben, wenn sie sich ändern lassen. In diesem Sinne, liebe Leserin und lieber Leser wünsche ich dir Zeit zum Wahrnehmen und Analysieren deines Gemütszustands und viel Liebe zu dir, um in deinem Sinne zu handeln – natürlich zum bestmöglichen Wohle aller Beteiligten.

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18 Kommentare zu „Kommunikation mit S.

  1. Liebe Susanne, deine Berichte, über deine Schwerhörigkeit und dein Kampf mit und gegen Morbus Meniere, sind sich derart ähnlich mit meinem eigenen Erleben. Und es tut gut von dir im Klartext hier zu lesen, was konkret hilft – um eine Unterhaltung mit uns Schwerhörigen für beide Seiten zu ermöglichen und angenehm zu machen.
    Dies hier nur als kurzes Lob, für deine großartige schriftstellerische Arbeit auf deiner Internetseite.
    Sobald ich Zeit und innerliche Ruhe finde, würde ich dir gerne mehr schreiben.
    Herzliche Grüße für dich und weiterhin viel Kraft,
    Selene

    1. Hallo Selene,

      vielen lieben Dank für deine wertschätzenden Worte und Wünsche, die mich beide freuen :).

      Ebenso freue ich mich, wenn ich wieder von dir lese.

      Ich wünsche dir Ruhe und Kraft.
      Sei mir ebenso herzlich gegrüßt
      Susanne

  2. Liebe Susanne, vielen Dank für Deine sehr interessanten Beiträge. Gerne würde ich der Meniere-Erfahrungsgruppe beitreten – klappt aber nicht so recht ( ich erhalte keine Bestätigungs-Mail). Da ich keine Facebook-Mitglied bin, kanns vielleicht auch daran liegen. Könntest Du mir einen Tip geben, wie ich das noch bewerkstelligen könnte? Vielen dank und liebe Grüße
    Conny

    1. Hallo liebe Conny,
      danke für deine Rückmeldung. In welche Gruppe genau möchtest du beitreten? Hier auf dem Blog kannst du schreiben und für Facebook musst du Mitglied sein. Vielleicht hast du auch wo raufgeklickt? Wenn ja, lasse es mich bitte wissen wo.
      Liebe Grüße
      Susanne

  3. Hallo Susanne,

    Mein Mann hatte das erste Mal im August 2016 nach unserm schönen Kurzurlaub an der Nordsee, einen Hörsturz erlitten. Er ist 42 Jahre alt, wir sind glücklich verheiratet, haben eine wunderbaren Sohn, 5Jahre alt. Zu dem Hörsturz 2 Tage vorher, bekam er Durchfall und Erbrechen. Dann kam die Diagnose. Paar Tage später darauf bekam er die ersten Schwindelanfälle, und das Ohr machte danach wieder auf. Er bekam dann eine weitere Diagnose. Morbus Meniere!!!

    Dann folgten alle 2Tage starke Schwindelanfälle die 2 Stunden ! Ich war mit den Nerven am Ende!!! Ich wußte nicht was ich tun sollte …Er musste sich dabei immer ziemlich viel übergeben! Einmal war es so schlimm, das ich den Krankenwagen gerufen habe. Da blieb er 3tage. Er bekam Cortison. Er nimmt seid September Vasomotal (Wirkstoff Betahistin) . Im Oktober war er im Schwindelzentrum München, und seid 5.10. !!!! Keine Schwindelanfälle mehr! Er war auch auf Kur in Bad Grönenbach. 10.1.-14.2.17 . Leider hat er Tinnitus und 20%Weniger Hörvermögen auf dem rechten Ohr. Nun aber habe ich große Angst, das er wieder schwindel bekommt, denn mit jeder Attacke wird das Hörvermögen weniger!!! Aber ich denke positiv! Hoffe das etwas in Zukunft dafür gibt, es vollständig zu heilen.

    Ich bin froh darüber, diese Seite gefunden zu haben.
    Alles gute weiterhin auch für dich!
    LG Sonja

    1. Hallo liebe Sonja,

      danke für deine Zeilen, dein Erzählen und deinen Wunsch.
      Ich kann sehr genau spüren, wie es euch geht und was diese Diagnose alles auslöst – das tut mir leid.
      Daher ist es mir wichtig, euch bzw. dir ein wenig Hoffnung zu machen.
      Dazu kommt mir in den Sinn, dass diese Krankheit sehr viele Gesichter hat. Es gibt kaum einen Verlauf der gleich ist. Es kann auch genauso sein, dass dein Mann eine Anfallshäufung gehabt hat und nun anfallsfrei bleibt.
      Bei mir ist mein Hörvermögen nicht nach jeder Attacke schlechter geworden, sondern lediglich während des ersten großen Schubs an Anfällen. Mein Ohr hat sich stabilisiert, was das Hörvermögen anbelangt.
      Möglicherweise hat auch bei mir das Betahistin dazu beigetragen, dass sich die Anfälle reduziert haben. Ich habe es drei Jahre lang hochdosiert genommen und dann ziemlich zügig abgesetzt.
      Für mich ist immer auch wichtig, sehr viel auf mein Wohlergehen zu achten – möglichst stressfrei und freudvoll zu leben.
      Das kommt mir so in aller Kürze und Knappheit in den Sinn. Im Blog ist noch mehr zu entdecken und lesen ;).

      Ich wünsche euch beiden von Herzen eine lange, lange anfallsfreie Zeit.
      Herzliche Grüße
      Susanne

  4. Hallo liebe Susanne….ich freue mich so, dich hier entdeckt zu haben. Hast du mal eine Saccus Dekompression machen lassen? Ich werde den Eingriff am 6.12.2017 in Essen machen lassen u würde mich über einen Erfahrungsaustausch sooo freuen.
    Liebste Grüße
    Maike

    1. Hallo liebe Maike, schön, dass du hier bist. Leider kann ich dir bezüglich Saccus Dekompression nicht weiter helfen. Ich habe den Eingriff bislang nicht machen lassen. Probiere es doch in der Menière-Facebookgruppe. Da kannst du dich gewiss mit anderen austauschen.
      Einen lieben Gruß und eine erfolgreiche OP
      Susanne
      P.S. Ich würde mich freuen, wenn du dich nach der OP mal meldest.
      P.P.S. Verzeihe bitte die späte Antwort. Im Moment ist es dicht, da habe ich es einfach übersehen.

  5. Hallo Susanne, eine phantastische Seite mit vielen guten Informationen. Ich bin Sozialpädagogin, schwerhörig, blogge seit einigen Jahren und habe mir erlaubt, einige Links auf zu deinen Beiträgen einzufügen. Solche Beiträge von selbst Betroffenen sind sehr wertvoll. Herzlichen Dank dafür! Gabi.

  6. Hallo Susanne,
    Die Ursache kommt bei mir aus meiner Familie. Bei uns in der Familie sind viele altersschwerhörig.
    Das ist bei mir von den Genen, also mediterrane Ursache.
    Weißt du ob, es in Waldshut oder Freiburg eine Selbsthilfegruppe für mittlere Schwerhörigkeit gibt?
    Meine Prozente sind 54 DGB.

    1. Hallo Viola,
      da ich aus Österreich bin, kann ich dir bezüglich Selbsthilfegruppe leider nicht weiterhelfen. Google mal, ob es einen Schwerhörigenverein gibt, denn dort kann man dir bestimmt Auskunft geben.
      Einen lieben Gruß
      Susanne

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